Prof. Monika Grütters, MdB,Vorsitzende des Kulturausschusses |
 



   
Interview - 24.08.2010
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Deutsch-türkische Künstlerakademie Tarabya vor dem Aus?

Monika Grütters im Gespräch mit Christoph Schmitz

Monika Grütters will die für die Künstlerakademie Tarabya gedachten Bosporus-Sommerhäuser nicht verfallen lassen - es gilt: Eigentum verpflichtet. Gleichwohl habe das Auswärtige Amt enorme Sparvorgaben zu bewältigen. Die Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien hält daher eine Künstlerbegegnungsstätte für eher realisierbar. Das vollständige Interview als Audio-Datei erhalten Sie hier.

Christoph Schmitz: Es war so etwas wie ein deutsch-türkischer Kulturtraum, angesiedelt an den Ufern des Bosporus, in einer Immobilie des türkischen Sultans Abdulhamid II., eine hölzerne Sommerresidenz, fertiggestellt im Jahre 1887, ein Geschenk an den deutschen Kaiser Wilhelm II. als diplomatischer Sitz. Eine Künstlerakademie hätte jetzt daraus werden sollen, ein Ort für deutsche Künstler in der Türkei, ein Begegnungsort zwischen deutschen und türkischen Intellektuellen. Von einem Meilenstein in unserer auswärtigen Kulturpolitik schwärmte gegen Ende der Großen Koalition noch die Kanzlerin. In diesen Wochen hätte die Akademie Tarabya eröffnet werden sollen. Sechs Millionen Euro hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages vor einem Jahr für die dringliche Renovierung und den Umbau genehmigt. Aber das Geld steht plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Der Meilenstein ist umgekippt. Droht das Projekt am Sparzwang des Auswärtigen Amtes zu scheitern? - Das habe ich die CDU-Kulturpolitikerin Monika Grütters gefragt.

Monika Grütters: Sicher ist, dass die finanzielle Situation sich tatsächlich verändert hat und dass auch das Auswärtige Amt enorme Sparvorgaben zu bewältigen hat. Das wissen wir natürlich und deshalb müssen wir im Bundestag erneut auch für dieses Projekt werben. Allerdings glaube ich, dass auch an solch einer Stelle Eigentum verpflichtet. Da verfallen einfach ganz wunderbare Kulturdenkmäler, diese alten Bosporus-Sommerhäuser, die jetzt den Deutschen anvertraut worden sind, und wir würden die ja auch in Deutschland nicht vor sich hinverfallen lassen. Also das ist, glaube ich, das Erste, was wir einfach leisten müssen. Das sind wir uns und dem kulturellen Erbe auch der Türkei schuldig.

Schmitz: Aber damit hat man noch keine Künstlerakademie Tarabya.

Grütters: Nein!

Schmitz: Was wollen Sie den Kollegen im Parlament und im Auswärtigen Amt sagen, dass man diese Künstlerakademie dennoch entstehen lassen muss?

Grütters: Oder zumindest eine Begegnungsstätte eben auch für Künstler, auch mit Aufenthaltsmöglichkeit. Wir müssen statusrechtliche Fragen berücksichtigen, die die Türkei uns damals bei der Schenkung auferlegt hat, nämlich dass da eine diplomatische Nutzung stattfinden soll, eigentlich eben Sommerresidenz des deutschen Botschafters in der Türkei, oder des Konsuls. Aber dazu kann natürlich auch und sollen Begegnungen mit Künstlern aller Sparten gehören, und die müssen sich doch dort auch aufhalten können. Das ist zumindest die Idee, und ich orientiere mich da an vergleichbaren Einrichtungen wie der Villa Massimo, der Villa Vigoni, Villa Aurora. Wir haben in Amerika, in Italien, in Frankreich, überall gibt es Austauschprogramme, hier in Berlin das Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Überall wo wir einen solchen Künstleraustausch systematisch praktizieren, hat das enorme Auswirkungen, positive Auswirkungen auf das jeweilige bilaterale Verhältnis, und gerade mit der Türkei, glaube ich, haben wir da wirklich fast noch ein Defizit. Da müssen wir unsere Kontakte intensivieren, gerade im Kultur- und im intellektuellen Milieu. Deshalb sehe ich das Ganze auch eher nicht nur als so einen kleinen kulturpolitischen Schnörkel, als eine besondere Ausstattung, die wir uns da leisten wollen, sondern als ein ganz wichtiger Bestandteil von Integrationspolitik, die ja nicht zuletzt auch von Intellektuellen, von Künstlern, von Schriftstellern geleistet wird.

Schmitz: Sie haben es vorhin schon angedeutet: Es gibt auch statusrechtliche Bedenken. Das heißt, auch diplomatische Widerstände auf türkischer Seite gegen das deutsche Vorhaben?

Grütters: Widerstände, das kann ich nicht bestätigen. Wir müssen nur ganz vorsichtig sein und sensibel, dass wir den ursprünglichen Geist der Schenkung nicht aus dem Blick verlieren, und da ging es in erster Linie eben um eine diplomatische Nutzung. Deshalb müssen wir da sehr vorsichtig auch mit der türkischen Seite zusammen überlegen, wie kann ein solcher Austausch dort stattfinden. Aber ich halte diese Probleme auf jeden Fall für lösbar, weil ja beide Seiten an einem vitalen Gespräch auch miteinander - und das läuft eben ganz wesentlich über Künstler und Intellektuelle und Geistesgrößen - interessiert sind. Also deshalb vielleicht eben nicht beim Staatsminister für Kultur, sondern beim Auswärtigen Amt, oder über das Goethe-Institut, aber das werden wir hinkriegen.

Schmitz: Aber hat denn die deutsche Seite schon mit der türkischen Seite gesprochen?

Grütters: Wir sind im ständigen Austausch mit der türkischen Seite, doch, und zwar seit Jahren. Das war auch schon zu Zeiten der Großen Koalition so. Da haben wir diese Fragen ja gekannt und auch mit der Idee darauf reagiert, das Goethe-Institut dort als operativen Partner einzusetzen. Ob und wie das geht, hängt auch immer von der jeweils aktuellen politischen Lage im Land ab, und wir müssen jetzt erst mal sanieren, wenn wir das wollen, und dann muss man gucken, wer ist dann dran und wer ist unser Gesprächspartner und wie einigen wir uns. Aber ich halte sowohl die finanzielle Frage denn für lösbar, wie auch die diplomatische - die finanzielle schon allein deshalb, weil in jedem legalen vernünftigen Haushalt auch immer eine gewisse Investitionsquote gegeben sein muss, neben den konsumtiven Ausgaben. Also den laufenden Betrieb sichern einerseits, aber vor allen Dingen auch für Investitionen, also gerade Bauvorhaben sorgen, nur dann ist ein Haushalt nach deutschem Recht ausgeglichen. Auch deshalb, glaube ich, sollten wir das Geld für diese Häuser in die Hand nehmen.

Schmitz: Realistisch betrachtet, wie groß sind die Chancen, dass Tarabya als Akademie funktionieren wird?

Grütters: Also ich halte die Chancen immer noch für gut, denn solange wir da auf jeden Fall mitdenken und mitplanen, jetzt auch von der CDU - wir haben ja in der letzten Koalition eine wichtige Rolle gespielt, auch in dieser -, traue ich uns schon zu, erfolgreich auch für einen solchen Gedanken zu werben.

Schmitz: Sagt die Kulturpolitikerin Monika Grütters über Probleme und Chancen der Künstlerakademie Tarabya bei Istanbul.

Erschienen: Deutschlandradio, 24.08.2010.

   
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