LESETIPP: „DAS PHANTOM DES ALEXANDER WOLF“ VON GAITO GASDANOW

„Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.“

Es ist ein fast ungeheuerlicher erster Satz. Er gibt das Grundmuster dieses Buches wieder, den Kontrast zwischen melodischem Wohlklang und bestürzender Ehrlichkeit, der den Atem stocken lässt. Packend wie ein Thriller beginnt dieses erst 2012 auf Deutsch erschienene literarische Meisterwerk des 1923 nach Paris geflohenen und 1971 in München verstorbenen russischen Exilschriftstellers Gaito Gasdanow.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ erzählt die Geschichte zweier Männer, deren Wege sich im Russischen Bürgerkrieg kreuzen und die durch den „augenblicks-kurzen, rotierenden Flug“ einer Pistolenkugel für den Rest ihres Lebens auf schicksalhafte Weise aneinander gekettet bleiben sollen.

Mit einem seltenen Gespür für die menschliche Seele führt Gasdanow dem Leser die Macht und Formbarkeit von Erinnerungen vor Augen. Krieg, Tod, Liebe und Zufälle verbinden Lebenswege miteinander, denen eine Erkenntnis gemeinsam ist: „Wenn wir nichts vom Tod wüssten, wüssten wir auch nichts vom Glück, denn wüssten wir nichts vom Tod, hätten wir keine Vorstellung vom Wert unserer besten Gefühle, wir wüssten nicht, dass einige niemals wiederkehren und dass wir sie nur jetzt in ihrer ganzen Fülle begreifen können. Davor war uns das nicht beschieden, danach würde es zu spät sein.“ Ein Buch von wahrer Größe und Schönheit.