Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, Landesvorsitzende der CDU Berlin |
 




   
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20.01.2017, 12:48 Uhr | Übersicht | Drucken
Rede der Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Wannsee-Konferenz

Bei der Gedenkveranstaltung hat Kulturstaatsministerin Grütters die Verantwortung jedes Einzelnen betont. Die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten lasse erahnen, wie vieler Rädchen im Getriebe es bedurfte, um sie am Laufen zu halten. Die Erinnerung an den 20. Januar 1942 "warnt uns eindringlich davor, zu schweigen und still zu halten, wenn Menschen bedroht, ausgegrenzt und entwürdigt werden", so Grütters.

Bei der Gedenkveranstaltung hat Kulturstaatsministerin Grütters die Verantwortung jedes Einzelnen betont. Die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten lasse erahnen, wie vieler Rädchen im Getriebe es bedurfte, um sie am Laufen zu halten. Die Erinnerung an den 20. Januar 1942 "warnt uns eindringlich davor, zu schweigen und still zu halten, wenn Menschen bedroht, ausgegrenzt und entwürdigt werden", so Grütters.

Es war ein strahlend schöner Wintertag: Wannsee - ein Idyll in weiß. Vor 75 Jahren, am 20. Januar 1942 mittags um 12, trafen sich hier 15 Männer zu einer eineinhalbstündigen Konferenz. Auf der Tagesordnung stand die Umsetzung eines Vorhabens, das ebenso zynisch wie euphemistisch als "Endlösung der europäischen Judenfrage" bezeichnet wurde: des Völkermords an den europäischen Juden. Bei Schnittchen und französischem Cognac besprach man Definitionen, Zuständigkeiten, verwaltungstechnische Abläufe - kurz: das möglichst reibungslose Funktionieren der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie, in der ein Rädchen ins andere greifen sollte. Das Protokoll, dessen widerspruchslose Kenntnisnahme über den Teilnehmerkreis hinaus führende Amts- und Funktionsträger zu Mitwissern und Mitverantwortlichen machte, dokumentiert die moralische und institutionelle Bankrotterklärung des deutschen Staatsapparates. In diesem Protokoll heißt es, ich zitiere: "Unter entsprechender Leitung sollen die Juden im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen (…) werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen (…)."

"natürliche Verminderung"

"ausfallen"

"Restbestand"

"… entsprechend behandelt werden müssen."

In dieser Sprache sitzen Augen, die im Mitmenschen den Menschen nicht mehr sehen. Wir, die wir die Folgen nicht persönlich erleben mussten, wir können nur erahnen, was Sie empfinden - liebe Margot Friedländer, lieber Otto Dov Kulka, lieber Leon Schwarzbaum -, wenn Sie in diese Augen sehen. Wir können nur erahnen, was es bedeutet, wenn einem das eigene lebensprägende Leid in den dürren Zeilen eines Besprechungsprotokolls begegnet. Wir können nur erahnen, wie sehr eine Wunde schmerzt, die auch die Zeit nicht heilen kann.

Was uns vielleicht verbindet, ist eine Scham, die Primo Levi - Auschwitz-Häftling mit der Nummer 174517 -  in seinem Bericht "Die Atempause" beschrieben hat: eine Scham, die er im beredten Schweigen der ab dem 27. Januar 1945 in Auschwitz eintreffenden sowjetischen Soldaten erkannte. Ich zitiere: "Sie grüßten nicht, lächelten nicht; sie schienen befangen, nicht so sehr aus Mitleid, als aus einer unbestimmten Hemmung heraus, die ihnen den Mund verschloss und ihre Augen an das düstere Schauspiel gefesselt hielt. Es war die gleiche wohlbekannte Scham, die uns nach den Selektionen und immer dann überkam, wenn wir Zeuge einer Misshandlung sein oder sie selbst erdulden mussten: jene Scham, die die Deutschen nicht kannten, die der Gerechte empfindet vor einer Schuld, die ein anderer auf sich lädt und die ihn quält, weil sie existiert, weil sie unwiderruflich in die Welt der existenten Dinge eingebracht ist und weil sein guter Wille nichts oder nicht viel gilt und ohnmächtig ist, sie zu verhindern."

Wenn wir heute gemeinsam der rund sechs Millionen Juden gedenken, die der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie zum Opfer fielen, wenn wir - im Vorfeld des Jahrestages der Auschwitz-Befreiung - all jener Menschen gedenken, denen die Nationalsozialisten ihre Rechte, ihre Würde, ihre Seele nahmen, dann steht - so jedenfalls empfinde ich es - auch diese fassungslose Scham mit im Raum, die Primo Levi einst beschrieben hat: die Scham vor einer Schuld, die uns quält, "weil sie existiert, weil sie unwiderruflich in die Welt der existenten Dinge eingebracht ist“ - und weil so viele ohnmächtig waren, sie zu verhindern.

Es waren und sind bis heute vor allem die Berichte der Zeitzeugen, die im Erinnern an den Zivilisationsbruch des Holocaust nicht nur Wissen vermitteln, sondern in besonderer Weise auch das moralische Empfinden ansprechen. Dieses moralische Empfinden - das Gefühl, dass das Geschehene uns nahe geht, dass es uns auch persönlich etwas angeht - brauchen wir für eine lebendige und fortdauernde Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur. Wir brauchen es, um der immerwährenden Verantwortung für die Erinnerung an die Opfer gerecht zu werden, die das von Deutschen verschuldete, unermessliche Leid und Unrecht uns auferlegt. Deshalb finde ich es unerträglich - ja, widerlich -, dass neue politische Kräfte in unserem Land, wie vorgestern in Dresden wieder geschehen, gerade unsere Erinnerungskultur, an der unsere Gesellschaft und unsere Demokratie gereift sind, gerade diesen so sensiblen Bereich für parteipolitische Zwecke missbrauchen - dass dort, wo wir einen so großen Konsens zwischen Bürgergesellschaft und Politik erleben, dass dort, wo es um die Aussöhnung mit - noch lebenden - Opfern geht, Zwietracht gesät wird. Im Umgang mit unserer bitteren jüngeren Geschichte darf nicht Hetze, sondern muss Behutsamkeit die Tonlage bestimmen. 

Weil es immer weniger Zeitzeugen gibt und immer mehr Menschen, die - jung oder eingewandert - die Verstrickung in den Nationalsozialismus nie als Teil ihrer Familiengeschichte erlebt haben, werden alternative Wege der Annäherung an das Geschehene immer wichtiger. Deshalb bin ich dankbar, dass die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz - nicht zuletzt mit der aus meinem Etat geförderten Entwicklung einer neuen Dauerausstellung ihrem hervorragenden Ruf als Lernort mit innovativen und differenzierten Ansätzen der Vermittlung alle Ehre macht, so wie zahlreiche andere Gedenkstätten und Erinnerungsorte. Das 25-jährige Bestehen des ersten zentralen Erinnerungsortes für den Holocaust im wiedervereinten Deutschland, lieber Herr Dr. Jasch, nehme ich gerne zum Anlass, Ihnen und Ihrem Team für Ihre großartige, engagierte Arbeit herzlich zu danken. Auf die Unterstützung durch die Bundesregierung können Sie weiterhin zählen. Durch unsere Förderung der Gedenkstättenarbeit und der Aufarbeitung wollen wir auch in Zukunft zu einer lebendigen Erinnerungskultur beitragen.

Lebendige Erinnerungskultur ist mehr als rituelle Vergegenwärtigung des Vergangenen. Lebendige Erinnerungskultur heißt, dass die Erinnerung uns nahe geht, dass das Geschehene - mag es auch 75 Jahre zurück liegen - uns auch persönlich etwas angeht. Aus einem schlichten Grund: weil auch die Schuldigen Menschen waren wie wir.

Und heute? Wir sehen und hören, wie Ressentiments gegen anders Denkende, anders Glaubende, anders Aussehende, anders Lebende geschürt werden. Wir spüren, wie Stimmung gemacht wird gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Vielfalt und Freiheit. Wir erleben, wie eine Sprache, deren Augen im Mitmenschen den Menschen nicht sehen, das moralische Empfinden verstümmelt. Wir, die wir heute in einem demokratischen Rechtsstaat leben, wir sind nicht ohnmächtig, all das zu verhindern. Was aber schützt uns davor, zu lange zu schweigen, vom Wegseher zum Mitläufer zu werden, und irgendwann gar Rädchen im Getriebe, wenn die Verhältnisse sich ändern?

Die Erinnerung an den 20. Januar 1942 verweist nicht nur auf eine gnadenlos effiziente Tötungsmaschinerie. Sie lässt auch erahnen, wie vieler Rädchen im Getriebe es bedurfte, um diese Maschinerie zum Laufen zu bringen und am Laufen zu halten. Die schonungslose Auseinandersetzung damit ist uns lange schwergefallen - und bis heute gibt es blinde Flecken in der Aufarbeitung. Gerade einmal knapp zwei Monate ist es her, dass eine Verurteilung wegen Beihilfe zum massenhaften Mord in Auschwitz erstmals höchstrichterlich bestätigt wurde. Der Verurteilte Oscar Gröning hatte als "Buchhalter von Auschwitz" das Geld der verschleppten Juden verwaltet und die Ankunft der Transporte mitbeaufsichtigt. Nach dem Urteil des BGH bedarf es nun in solchen Fällen für einen Schuldspruch nicht mehr des Nachweises einer Beteiligung an konkreten Morddaten. Schuldig ist auch, wer als kleines Rädchen im Getriebe zum reibungslosen Ablauf beigetragen hat. Denn die Nationalsozialisten konnten, was hier in Wannsee besprochen wurde, nur umsetzen, "weil ihnen - ich zitiere den BGH - eine derart strukturierte und organisierte industrielle Tötungsmaschinerie mit willigen und gehorsamen Untergebenen zur Verfügung stand".

So warnt uns die Erinnerung an den 20. Januar 1942 eindringlich davor, zu schweigen und still zu halten, wenn Menschen bedroht, ausgegrenzt und entwürdigt werden. Halten wir die Erinnerung lebendig! Möge sie uns schützen vor der ebenso bequemen wie verantwortungslosen Haltung, dass es auf das Handeln des einzelnen nicht ankommt!


   
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