Prof. Monika Grütters, MdB,Vorsitzende des Kulturausschusses
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27.07.2010, 12:42 Uhr | Interview Übersicht | Drucken
Wohlfühlen im Deutschen Bundestag

Die Berliner Zeitung interviewte Monika Grütters zu ihrer Arbeit im Deutschen Bundestag, dem Zustand der christlich-liberalen Koalition und den Aussichten der Berliner CDU für die Wahlen 2011.

Für das Interview befreit Monika Grütters ihr Handgelenk von einer Schiene mit Verband. Die Bundestagsabgeordnete ist am Vortag mit dem Rad gestürzt, hat sich die Knie aufgeschlagen, das Gelenk gesplittert, und ist am nächsten Morgen wieder zur Arbeit gefahren. Erst ins Liebermann-Haus, wo sie als Vorstandssprecherin der Stiftung "Brandenburger Tor" arbeitet, dann ins Paul-Löbe-Haus, wo sie 2009 als Vorsitzende des Kulturausschusses ebenfalls herrschaftliche Räume beziehen konnte.

Für die Pflege von Handgelenken bleibt keine Zeit für eine, die außerdem als Honorarprofessorin an zwei Hochschulen lehrt, stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner CDU ist und in zahllosen Ausschüssen, Vorständen und Stiftungsräten sitzt.

Monika Grütters, 48, studierte Germanistik und Kunstgeschichte, ging mit 16 in die Junge Union, wurde mit 33 ins Abgeordnetenhaus gewählt, ist praktizierende Katholikin und verkörpert das wertkonservative Bildungsbürgertum in ihrer Partei. Ernste Fotos von sich kann sie nicht leiden: So bin ich nicht, sagt sie. Das stimmt. Keine noch so unfrohe Frage dämpft ihren heiteren Optimismus.

Wie geht es Ihnen als Parlamentarierin mit Ihrer Partei-Elite in der Regierung, die seit Arbeitsbeginn in der Wunschkoalition unter Feuer steht. Finden Sie das gemein? Neigen Sie zum Verteidigen?

Ich leide darunter wie alle. Das Dauerfeuer auch in den Medien trifft Fußvolk und Elite. Nicht jede Entscheidung in dieser Finanz-, Wirtschafts-, Euro- und Griechenlandkrise versteht jeder bis ins letzte Detail. Da bleibt nur das Vertrauen in die Führung. Ich bin froh, dass Politiker wie Merkel und Schäuble an der Spitze stehen und nicht Temperamente wie Sarkozy oder ein Berlusconi. Wir haben die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 1992; die Wirtschaft erholt sich. Deshalb verteidige ich natürlich unsere Arbeit.

Seit Sie 1995 in die Politik gegangen sind, wurde alles schlechter in diesem Land. Die Gräben zwischen Arm und Reich haben ungeahnte Dimensionen angenommen, geeignet, den sozialen Frieden zu zertrümmern. Es waren Politiker, die vor der Krise die Finanzhaie eingeladen haben.

Das stimmt nur zum Teil. Denken Sie an die Wiedervereinigung - keine Volkswirtschaft der Welt hätte diese Aufgabe gestemmt. Weltgeschichtlich einmalig ist das, die Gräben zu überwinden, mit der Kraft einer Volkswirtschaft eine zweite auf den Weg zu nehmen ohne größere soziale Verwerfungen. Solche Prozesse können nicht nur glatt und stetig aufwärts verlaufen.

Die soziale Marktwirtschaft war angetreten für Ausgleich zu sorgen, für mehr Gerechtigkeit. Davon ist keine Rede mehr. Nicht mal Ziele gibt es noch. Oder hat Ihre Partei oder die Kanzlerin mal formuliert, wohin die Reise geht und das ganze Sparen führen soll?

Die Gesellschaft verändert sich. Ich beobachte Entsolidarisierung. Statt Aufstiegswillen verbreitet sich eine Art Statusfatalismus - "aus mir wird ja eh nichts". Die Solidargemeinschaft versorgt Menschen, die nicht arbeiten können, in Deutschland besser als sonstwo auf der Welt. Die Hälfte des Haushaltes wird für Soziales ausgegeben, die Renten extra. An dem hohen Etat kann die Spardebatte nicht vorbei.


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