Das Kreuz zu entfernen war ein Affront

10.11.2022

Beim G7-Gipfel in Münster wird ein Kruzifix abgehängt, eine christliche Inschrift am Berliner Stadtschloss soll überblendet werden –
beides auf Betreiben der Grünen. Was sagt die Opposition dazu? Fragen an die Christdemokratin Monika Grütters
DIE ZEIT: Frau Grütters, warum ist es eigentlich wichtig, ob auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses christliche Inschriften stehen oder nicht?
Monika Grütters: Der Deutsche Bundestag hat 2003 den historischen Wiederaufbau beschlossen – und zwar mit Kreuz, Kuppel und Kuppelinschrift. Darunter befand sich einst eine Kapelle, die der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. hatte bauen lassen. Das Schloss erzählt also etwas über die Geschichte und Identität der Deutschen.
ZEIT: Nämlich was?
Grütters: Dass wir im sogenannten christlichen Abendland leben und dass christliche Kernbotschaften wie Toleranz, Nächstenliebe und die Freiheit des Einzelnen unser Gemeinwesen bis heute prägen. Ihr Einfluss reicht bis ins Grundgesetz.
ZEIT: Deutschland ist heute multikulturell, multireligiös und auch säkular. Kann man da wirklich noch vom »christlichen Abendland« sprechen – und haben nicht genau solche Begriffe die Gegner des Kuppelkreuzes auf den Plan gerufen?
Grütters: Unsere Gesellschaft wird immer säkularer, das ist klar. Aber wird man anderen dadurch gerecht, dass man etwas verleugnet oder verschweigt? Nein! Ich habe während meiner politischen Arbeit immer dafür geworben, dass wir uns mit unserer Herkunft auseinandersetzen – kritisch, aber selbstbewusst. Tatsächlich sind nur noch etwa 50 Prozent der Deutschen getauft. Das war einst, als das Stadtschloss erbaut wurde, anders. Dennoch bleibt es Teil unserer Geschichte. Ich glaube: Nur wer seine Wurzeln kennt und wertschätzt, kann anderen Menschen und Kulturen gegenüber aufgeschlossen sein, ohne sich bedroht zu fühlen.
ZEIT: Claudia Roth, Ihre Nachfolgerin im Amt der Kulturstaatsministerin, hatte vorige Woche angekündigt, die christlichen Zitate an der Kuppel würden überblendet – darauf hagelte es Kritik aus allen Parteien. Verstehen Sie, dass man sich daran stören kann, wenn ausgerechnet das Humboldt Forum von christlichen Postulaten gekrönt wird?
Grütters: Die Kritiker haben schon immer argumentiert: Unter der Kuppel sei heute keine Kapelle, sondern ein Haus, das den Kulturen der Welt eine Bühne bietet – dazu passe kein Kreuz. Das sehe ich anders. Jesus predigt gerade den Respekt vor allen Menschen. Deshalb ist das Kreuz eine Einladung zum Miteinander, keine Ausgrenzung. Gott sei Dank vergreifen wir uns ja auch nicht an den Symbolen anderer Religionen, etwa dem Halbmond oder dem Davidstern auf der Synagoge in Görlitz, die heute ebenfalls ein für alle offenes Kulturhaus ist. Ich kann nicht nachvollziehen, welchen Mehrwert die Verleugnung des Christlichen haben soll. Durch die Verneinung der Religion werden keine politischen Freiräume gewonnen.
ZEIT: Nun gibt es in Deutschland keineswegs nur Kritik am Kreuz. Regelmäßig wird über das Kopftuch gestritten, Streit gab es auch über Moscheebauten und den Ruf des Muezzins.
Grütters: Ich bin nicht gegen Streit! Religiöse Symbole sind eine Einladung, über ihre Bedeutung zu diskutieren. Wir sollten aber all diese Symbole nicht canceln.
ZEIT: Aus dem Umfeld der Kulturstaatsministerin heißt es, das geplante Überblenden der christlichen Zitate sei keine neue Idee, sondern man habe das noch aus Ihrer Amtszeit übernommen.
Grütters: Richtig ist, dass es schon zu meiner Zeit als Staatsministerin und Stiftungsratsvorsitzende des Humboldt Forums eine lebhafte Diskussion um diesen Text gab. Ich kannte ihn zunächst auch nicht, aber sobald er veröffentlicht wurde, löste er Diskussionen aus. Tatsächlich ist er schwer verdaulich – wohl auch, weil er aus zwei verschiedenen Bibelstellen zusammengesetzt wurde.
ZEIT: Wörtlich heißt es: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.«
Grütters: Ein Teil des Spruches stammt ursprünglich aus der Apostelgeschichte, der andere aus dem Philipper-Brief des Paulus. Er war eine Empfehlung an die Menschen, nicht vor weltlichen Götzen das Knie zu beugen, sondern allein vor Gott. Friedrich Wilhelm IV. wandelte ihn ab, um die Bevölkerung wissen zu lassen, auch er als König beuge sein Knie nur vor Gott, nicht aber vor dem Volk. Der historische Hintergrund: Es gab damals, seit 1848, erste revolutionäre Aufwallungen, die die Macht des Königs einschränken sollten. So kam es zu dem von ihm gerupften Bibelzitat. Das kann man aber erklären.
ZEIT: Und was war nun mit dem Überblenden?
Grütters: Eine künstlerische Auseinandersetzung und zeitweise Verfremdung wurde vom ersten Augenblick an diskutiert, aber nie beschlossen. Es ging dabei nie um Überblenden im Sinne von unleserlich machen.
ZEIT: Spielt es Ihrer Meinung nach eine Rolle, ob es sich um ein direktes Bibelzitat handelt?
Grütters: Ja, das spielt eine maßgebliche Rolle. In der Bibel sind die Originalstellen schön und verständlich, in der zusammengewürfelten Version des Königs dagegen ist das Ganze kompliziert und hermetisch. Schade! Denn so wird es missverständlich – und zum Problem.
ZEIT: Wie würden Sie denn einer prominenten Besuchergruppe, zum Beispiel Politikern aus dem Ausland, die keine Christen sind, erklären, was an dieser Kuppel in der Mitte der Hauptstadt steht?
Grütters: Das Beugen des Knies ist ein Bild für eine Unterwerfung, die nicht sein soll, jedenfalls nicht vor weltlichen Autoritäten. Unsere Demut sollte Gott gelten, das macht uns frei. So verstehe ich den Text. Der König benutzte ihn durchaus trotzig. Er machte klar, dass er das Volk nicht als Souverän anerkennt. Das würde ich den Besuchern erklären – und dass im Gegensatz dazu in unserer heutigen Demokratie alle Macht vom Volk ausgeht. Ganz irrig ist hingegen die Behauptung, auch aus dem Humboldt Forum, hier werde ein Herrschaftsanspruch des Christentums formuliert. Um das Christentum im Gegensatz zu anderen Religionen geht es hier nicht. Im heutigen Humboldt Forum lassen wir die Weltreligionen gleichberechtigt nebeneinander gelten. Aus der Kuppelinschrift geht dieser Geist nicht hervor; sie deshalb aber zu canceln, finde ich falsch.
ZEIT: Die Kritiker wehren sich auch gegen die Botschaft, dass Gott die höchste Autorität sei.
Grütters: Was soll ich dazu sagen? Unser Grund¬gesetz ist durchdrungen von Aspekten der christ¬lichen Ethik, etwa der Überzeugung, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Aber unser Staat fußt nicht auf Gottesgnadentum. Die politische Denkweise von Friedrich Wilhelm IV. ist Geschichte.
ZEIT: Vielleicht geht es den Grünen um mehr als um preußische Inschriften, nämlich um eine klare Abgrenzung von Kirche und Staat. Viele Mitglieder der neuen Bundesregierung, auch von der SPD, allen voran der Kanzler, leisteten den Amtseid ohne die Formel »So wahr mir Gott helfe«.
Grütters: Falls es eine Furcht gibt vor dem Einfluss des Christentums auf den Staat, teile ich sie nicht.
ZEIT: Weil Sie bekennende Katholikin sind?
Grütters: Auch! Vor allem aber, weil wir eine freiheit¬liche Verfassung haben und im Rechtsstaat leben. Der Einzelne kann sogar gegen den Staat klagen.
ZEIT: Als wir Sie für die ZEIT um ein Gespräch baten, zögerten Sie. Sie wollten Ihre Nachfolgerin Claudia Roth nicht kommentieren. Wieso?
Grütters: Weil es hier nicht um Claudia Roth geht. Einige ihrer markanten Bemerkungen gegen das Kreuz auf dem Stadtschloss sehe ich aber als Teil eines Zeitgeistes, der jetzt auch zum Abhängen des Kreuzes beim G7-Treffen in Münster führte. Der Vorgang hat mich geschockt, weil in dieser beiläufigen Geste so viel Arroganz gegenüber Christen steckt und so viel Geschichtsvergessenheit. Das hat mich provoziert, meine Zurückhaltung aufzugeben.
ZEIT: Münster ist Ihre Heimatstadt. Nehmen Sie die Sache mit dem Kreuz persönlich?
Grütters: Ja. Als gläubige Christin finde ich das Wegräumen des Kreuzes verletzend, das heißt aber nicht, dass ich es nicht aushalte. Unerträglich und verstörend ist die Ignoranz gegenüber unserer Geschichte. Wieso wählt man den Friedenssaal des Münsteraner Rathauses für ein G7-Treffen? Weil dort nach dem Dreißigjährigen Krieg, der ein Religionskrieg war und fast die halbe Bevölkerung Europas dahinraffte, ein Frieden ausgehandelt wurde. Das Kreuz aus dem Jahr 1540 steht für das Elend, das Religionskonflikte auslösen können. Zugleich ist es hier ein großartiges Zeichen der Versöhnung. Wer das nicht versteht, der hätte auch auf den Saal verzichten und im Hotelzimmer tagen können. Das Kreuz, ein Symbol des Friedens¬schlusses, zu entfernen, war ein Affront.
ZEIT: Die Außenministerin beeilte sich zu erklären, sie habe davon nichts gewusst.
Grütters: Annalena Baerbock kann sich nicht damit herausreden, sie sei überrascht worden. Wenn ihre eigenen Beamten davon ausgehen, dass das Abhängen des Kreuzes der Haltung der Außenministerin entspricht, und wenn sie deshalb nicht einmal Rücksprache mit ihr halten, fällt das auf sie zurück.
ZEIT: Sie sagt, es täte ihr leid. Glauben Sie ihr?
Grütters: Ich glaube, es tut ihr leid, was für eine dramatische Außenwirkung das Abnehmen des Kreuzes hatte. Viele Beteiligte des G7-Treffens waren irritiert, dass mehr über den Skandal ge¬redet wurde als über die Erfolge ihres Treffens. Ich hoffe, Annalena Baerbock nimmt ernst, wie stark religiöse Gefühle auch in unserer modernen Gesellschaft wirken. Etwas mehr Rücksichtnahme auf die Bürger kann man von einer Spitzenpolitikerin schon erwarten.
ZEIT: Religiöse Gefühle sind ein heikles Argument, darauf berufen sich auch Fundamentalisten.
Grütters: Ja, es gibt eine Spannung zwischen Meinungsfreiheit und persönlichen Verletzungen. Wie häufig habe ich Theaterstücke gesehen, in denen mein Gott verhöhnt oder meine Kirche lächerlich gemacht wurden. Das muss ich aber aushalten, wenn die großen Freiheitsrechte mir etwas wert sind. Wir dürfen aus dem Glauben keine identitären Ansprüche ableiten. Umgekehrt müssen die Säkularen Kritik an ihrem Weltbild ertragen.
ZEIT: Wie erklären Sie Musliminnen, dass sie das Kreuz in deutschen Amtsstuben akzeptieren sollen, aber als Lehrerinnen kein Kopftuch tragen dürfen?
Grütters: Dazu hat es komplizierte Verfassungs¬gerichtsurteile gegeben. Vereinfacht gesagt: Der Staat muss religiös und weltanschaulich neutral sein, wenn er hoheitliche Aufgaben ausführt, deshalb gilt dort das Neutralitätsgebot zu Recht. Es bedeutet, dass auch eine christliche Nonne im ¬Unterricht zivil gekleidet ist – es sei denn, sie unterrichtet an einer konfessionellen Schule. Die Beliebtheit solcher Schulen auch bei muslimischen Eltern zeigt, dass ein klares Bekenntnis und ein reflektierter Glaube überzeugend sind. Wie es im berühmten Petrus-Wort heißt: »Sei stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der Euch nach der Hoffnung fragt, die Euch erfüllt.«
ZEIT: Also lieber Kreuz als kein Kreuz? Lieber Söder als Baerbock?
Grütters: Bei mir im Büro hängt nach wie vor das Kreuz, denn mein Glaube gibt mir Halt und innere Orientierung. Das Humboldt Forum haben wir aber errichtet, weil die Weltkulturen in eine multikulturelle Stadt wie Berlin passen, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religiosität friedlich leben. Ich glaube, nur Gesellschaften, die dieses Miteinander üben, haben eine Zukunft.
ZEIT: In Berlin kritisieren Grüne das Neutralitätsgesetz, weil es Lehrerinnen das Tragen des Kopftuchs verbietet. Sind Sie derselben Meinung?
Grütters: Nein. Das Neutralitätsgesetz baut eine Brücke zwischen säkularen und religiösen Positionen. Deshalb wurden auch im Gerichtssaal die Kreuze abgehängt, jedenfalls in Berlin.
ZEIT: Stimmt es, dass Sie nach dem Eklat in Münster den Bürgermeister angerufen haben?
Grütters: Ja, und er hat mir versichert, dass er mit dem Abhängen des Kreuzes nichts zu tun hatte. In seiner Presseerklärung heißt es: »Ich meine aber, diese Entscheidung hätte so nicht getroffen werden dürfen, und ich bedaure sie.« Ich hoffe, die Aufregung hat jene nachdenklich gemacht, die allzu eilfertig dachten, canceln wäre etwas Gutes.
ZEIT: Wer von den G7 hätte sich eigentlich gestört fühlen können durch das Kreuz?
Grütters: Das haben wir uns alle gefragt. Niemand von den G7 hatte es gefordert, und das zeigt, wie tendenziös auch eine säkulare Einstellung sein kann. Dazu passt, dass im Auswärtigen Amt offenbar jetzt das Referat für Religion kaputt¬geschrumpft wird. Das ist bitter.
ZEIT: 85 Prozent der Weltbevölkerung gehören einer Glaubensgemeinschaft an. Wieso braucht die deutsche Politik keine Religionskompetenz?
Grütters: Ich beobachte das mit Kopfschütteln. Man muss ja nicht gläubig sein, um diesen Aspekt der Außenpolitik wichtig zu finden. Religionsfreiheit steht ganz oben auf der Agenda der Vereinten Nationen. Das Referat im Auswärtigen Amt zu schwächen, statt es zu stärken, ist ein Irrweg.
ZEIT: Und was sagen Sie denen, die den Anblick des Kreuzes nicht mehr ertragen nach all den Kirchenskandalen?
Grütters: Das ist eine andere und große Frage. Ich verstehe jeden, der sich enttäuscht abwendet. Ich persönlich habe jedoch andere Schlüsse aus den furchtbaren Geschehnissen gezogen und engagiere mich jetzt umso mehr für den Erhalt meiner ¬Kirche und für eine rückhaltlose Aufklärung.
ZEIT: Frau Grütters, wir wollten mit Ihnen ein Streitgespräch führen, es ist uns aber nicht gelungen, einen Streitpartner von den Grünen zu finden. Ducken die Grünen sich weg?
Grütters: Da kann ich nur mutmaßen. Vielleicht ist den Grünen die rabiate Infragestellung christ¬licher Symbole doch nicht ganz geheuer. Vielleicht ahnen sie, dass sie sich damit keinen Gefallen getan haben.


Das Gespräch führte Evelyn Finger

Der Artikel erschien in der Zeitung DIE ZEIT am 10.11.2022, S. 60